Allein zu zweit

An einem anderen Tag bin ich bei dir gewesen, bin den langen Weg zu deiner Wohnung unbewusst gelaufen. Muss geklingelt haben. Ich habe es erst gemerkt, als du vor mir gestanden hast, die Haare in einer unordentlichen Frisur verwuschelt, ein Handtuch um die Hüften geschlungen, Dreitagebart – ich habe das immer an dir gehasst. Warum?

Du schaust mich mit deinen großen grauen Augen fragend an, ein schamllippiges Lächeln ziert dein Gesicht. Du lachst mich aus. Und du hast Recht.

Vor wenigen Tagen bin ich mit großer Klappe bei dir ausgezogen, ich bräuchte dich und dein Geld nicht, würde den Ruhm, mit dem du immer so prahlst, verabscheuen. Doch nun stehe ich vor dir. Geld und Ruhm sind mir egal. Ich hungere nach deiner Liebe, die immer weniger zu werden schien, je angesehener du wurdest, sehne mich nach deinen starken Armen, trauere um die gemeinsamen Momente, die ich eigentlich vor mir zerreißen müsste, um dich endlichen vergessen zu können. Aber wie soll man jemanden wie dich vergessen?

Du schaust mich an. Ich wirklich lächerlich, nicht?

Endlich fragst du mich, was ich will. Ich weiß es nicht. Das sage ich dir. Du fängst an zu lachen und ich wende mich zum Gehen. Ich musste dir etwas Wichtiges sagen, aber es fällt mir nicht mehr ein. Es war so bedeutend, dass man es gar nicht hätte vergessen dürfen. Dennoch – ich erinnere mich nicht mehr daran.

Deine Stimme hält mich auf. Du bittest mich herein zu kommen. Ich drehe mich zu dir um, doch du bist schon hineingegangen. Ich kann nur noch deinen Rücken bewundern. Du bist ein wunderbarer Mann. Wann habe ich dir das zum letzen Mal gesagt? Wann hast du mir das letzte Mal gesagt, dass ich schön bin in deinen Augen? Ich weiß nur, dass es lange her ist.

Du führst mich den bekannten Weg ins Wohnzimmer, bietest mir einen Platz an, gehst in die Küche, um etwas zu trinken zu holen. Mein Lieblingssessel ist mit Klamotten, Büchern und Bierflaschen beladen. Seufzend räume ich alles mit einem Ruck herunter. Du schaust aus der Küche, doch ich sitze schon auf meinem Platz. Ich kann dich nicht sehen, aber mir ist, als würde ich dein Lächeln auf mir spüren. Ich drehe mich nicht um. Es würde die Illusion zerstören.

Als du wieder kommst, verlierst du keinen Ton über die auf dem Boden liegenden Sachen. Du stellst ein Glas Wasser vor mir ab, setzt dich mir gegenüber und schaust mich an. Wir blicken uns in die Augen undschweigen. So wie immer. Und doch ist heute etwas anders. Manchmal habe ich zwischen uns so eine Bindung gespürt, die jedes Wort ersetzte. An anderen Tagen gab es diese Bindung nicht. Aber war es jemals so kalt und leer zwischen uns?

„Was willst du hier, Madeleine?" Ich schaue dich müde an.

Auf einmal fühle ich mich ganz leicht und ich rede drauf los. Doch ich höre meine eigenen Worte nicht, sie vergehen im Raum, ehe sie meinen Mund verlassen haben. Du verblasst. Alles um mich herum verblasst. Was passiert hier?

„Madeleine, können Sie mich hören?"

Ich bin von dem Sessel gerutscht. Ein Arzt kniet neben mir. Der Polizist beugt sich über mich und erscheint erleichtert, dass ich wieder aufgewacht bin. „Es tut mir Leid, dass ich Ihnen diese Nachricht überbringen muss." Dabei klingt er so sachlich. „Es hat stark geregnet. Die Straße zwei Blöcke weiter war mit Laub bedeckt. Der Autofahrer war zu schnell unterwegs, hat die Kontrolle verloren und ist auf die Gegenfahrbahn geraten. Ihr Freund hat noch versucht, auszuweichen. Er hatte keine Chance."

Seine bedauernden Worte erreichen mich nicht mehr. Ich sehe dein Foto an. Endlich kann ich es sagen – laut und klar:

„Ich bin schwanger."