Herzensharfe

I Ehrfurchtsvoll
stehe ich vor der Harfe Deines Herzens,
kann kaum glauben, was Du flüsterst,
dass mein Herz rein ist,
den Berg des Herrn zu betreten,
dass meine Hände rein sind,
ihn zu berühren.

Vorsichtig
legen sich meine Handflächen an Deine Saiten,
fühlen zwischen sich die gestillten Sehnen.
„Ich weiß nicht, wie man Lieder spielt,"
murmele ich unsicher. Doch Du sagst:
„Tu was du möchtest, solange
es in Liebe geschieht."

Weinend
hauche ich meine Küsse auf die freigegebenen Stränge,
entlocke leise Regungen mit dem Wind meines Atems,
bringe sie sanft zum Klingen unter dem stillen Staccato darauffallender Tränen.
Dann streiche ich sehnsuchtsvoll-liebend über Sehnen und Wände,
zupfe zaghaft die Saiten mit meinen Fingern,
werde mutiger, halte unsicher inne.

Ich möchte Dein Herz bewegen,
Dich beschenken mit Liedern, Gesängen, Absichten, Taten, Opfern.
Doch Du sagst, dass ich einfach nur hier bin,
mein Kopf ruhend an Deiner bloßen Brust,
bedeckt von dem streichelnden Schutz Deiner Flügel,
spielt auf Deinem Herzen
die herrlichste Melodie.

Ich halte auch mein Herz Dir offen,
zu berühren, zu handeln daran wie Du möchtest,
und immer wieder spielst Du auf meinen Saiten
das schönste Liebeslied.
Ruhst Du an meiner Brust, spüre ich nichts von Dir,
bist Du einfach nur hier – bist Du hier –
lass es mich glauben und mir genügen.

II Ein kleines Messer blitzt auf, heimlich ins Herz zu schneiden,
versteckt in einer groben, plumpen Hand,
scheinbar in unsrer Oase, am Rand unsres Blickfelds.

Ich zucke erschreckt zusammen – bin ich das?
Ist es meine Hand, die meinen Geliebten so oft schon verletzt hat?
„Zorn ist nicht in mir," tröstest Du leise, „und du bist rein."

„Ist es dann Deine Hand?" frage ich weiterhin angstvoll.
„Musst Du Dinge auf solche Art aus mir entfernen?
Du dürftest – doch so plötzlich, so heimlich bei einem doch offenen Herzen?"

„Schau in meine Augen," erwiderst Du ruhig.
„Der Treue und Wahrhaftige, in ihnen ist kein Falsch.
Ich schenkte sie dir, möchte sie ganz mit dir teilen.
Liebe und Treue vereinen sich, es küssen Gerechtigkeit und Frieden.
Die Hand ist die des Feindes,
Zwietracht zu säen, Einheit zerstören –
Schau in meine Augen."

Eindringlich, dringlich, flehend
sauge ich meinen Blick an Deinem fest,
meiner Sehnsucht, meiner Rettung, meinem Alles,
während wir unsere Harfen zusammenlegen zu einer,
Saiten sich ineinander verweben,
hartes Rahmenholz einen Schutzwall bildet,
unnachgiebig wie der Tod.

Und während wir herumgeschleudert werden,
durch die Luft gewirbelt, zu Boden geworfen,
auf Kanten geschlagen, von hasserfüllten Klauen umbrandet,

drehen wir uns, ein Feuerball,
eine zarte, schimmernde Perle,
kugelförmig ohne Angriffsfläche,
in freudigem Tanz, Hand in Hand, Auge in Auge,
ineinander versunken, verschlungen.

„Das, meine Braut," sagst Du zärtlich triumphierend,
„ist das Lied der Ehe."