A/N: Okay, dieses Projekt entstand im Zusammenhang mit einer Kunstabschlussarbeit an der Kunsthochschule Hamburg vor ein paar Jahren und wurde von mir für meine Freundin Helle geschrieben. Aufgabe war, Hänsel und Gretel neu aufzulegen und Illustrationen dazu zu machen (das war ihr Part :P ). Aber dementsprechend ist der gesamte Text ein wenig detaillierte Geschrieben, als es sonst für mich üblich ist.

Die Band Kaizers Orchestra sollte hier einmal als Inspiration in Bild und Ton erwähnt werden, genauso wie die Manga-Zeichnerin Kaori Yuki und Die Ärzte. :) Man bezieht seine Inspirationen von überall her. :P

Ein riesiges Dankeschön an alle Beteiligten (ihr wisst wer ihr seid!)! Ohne euch wäre diese Geschichte nie in dem Maße zustande gekommen!

Okay, genug geredet. Ich hoffe, ihr habt Spaß und ich freue mich natürlich über Reviews!

Hänsel und Gretel

Spring über den Zaun, wo der Wetterhahn stand, geh mitten ins Feld hinein, dorthin, wo nichts wächst und grabe meine Träume aus. Wer findet der bekommt etwas; behalte sie im Kopf, oder wirf sie in ein Feuer – Verschwinde bis zum Winter und komm zum Frühling raus…

(Tumor I Ditt Hjerte – Kaizers Orchestra)

Prolog

Ein kalter Wind rüttelte an den losen Schindeln des Daches, zerrte am wilden Efeu und Wein, welche das alte Haus umhüllten, versteckten, wie etwas, das verborgen bleiben musste – ein dunkles Geheimnis.

Eine traurige Melodie ertönte knisternd auf einem alten Grammophon, die Musik, kaum zu hören über das Heulen des Sturms.

Ihre Schreie dagegen waren laut und durchdringend. Schrill trugen sie weit über das Land, bis sie vom Dickicht des Waldes verschluckt wurden.

Der Wind half, er war auf ihrer Seite, ihr einziger Freund…

Fast verdeckt vom Blattwerk blickte sie aus dem offenen Dachfenster. Ihr weißes, zerrissenes Brautkleid leuchtete in der mondlosen Nacht, das frische Blut auf ihm schwarz. In ihrer Hand immer noch das blutgetränkte Beil.

Die Böen rissen an den Fetzen ihres Kleides, zausten ihr die wilden blonden Haare, malten Muster wie von Geisterhand.

Lachen brach aus ihr hervor, irre, manisch und abgrundtief böse. Wahnsinn glitzerte in ihren blutunterlaufenden Augen.
Immer noch lachend begann sie im Takt der Zigeunerweisen zu tanzen, immer schneller schwang sie sich über die alten, von der Zeit zermürbten Holzpaneelen, ihre Hände liebkosten das Beil, verschmierten das Blut über Brust, Gesicht und Arme.

ooooooooooooooo

Ein Strahl fahlen, grauen Tageslichts kämpfte sich einen Weg durch beschmutze, mit Spinnweben und Efeu verhängte Fenster.

Er fiel auf ein zerschlissenes Sofa, den mit Whiskeyflaschen zugestellten Tisch – brach sich träge im bernsteinfarbenen Inhalt eines Glases – wanderte weiter, über blitzende, weiße Tiergebeine, und landete schließlich auf der alten Holztreppe, die hinauf zur Dachkammer führte und auf die karge Wand dahinter.

Putz und Tapete blätterte von den Wänden, Treppenstufen fehlten, das Geländer wackelte bedächtig, als sie nach oben spähte.

Gedämpft drangen die letzten Klänge der Zigeunerweisen die Treppe hinunter, die Schritte ein dumpfes klack klack klack über ihrem Kopf.

Sie schlich auf Zehenspitzen über die verstaubten Dielen, das Knarren gedämpft von den alten, abgestoßenen, burgundfarbenden Teppichen, vorbei an ihrem, auf dem Sofa zusammengekauerten Vater.

Kenneth' leises Schnarchen mischte sich mit den Melodien der Zigeunerweisen, verband sich zu etwas Neuem, etwas, das Gretel einen Schauer über den Rücken laufen ließ.

Sein Gesicht war verborgen in seinen Händen, seine dunkelbraunen Haare hingen ihm in ungekämmten Strähnen in die Stirn. Als sie klein war, nicht älter als vier oder fünf – vor dem Schrecken, der alles verändert, ihre Welt in den Grundfesten ihrer Existenz erschüttert hatte – hatte sie immer an Schokolade denken müssen, wenn sie ihre kleinen Hände durch das Haar ihres Vaters gleiten ließ.

Sie hielt die Luft an, funkelte den Dielenboden warnend an, keine Geräusche zu machen, während sie am Sofa vorbei auf die schwere, hölzerne Haustür zu huschte.

Fast – fast war sie draußen. Ihr Körper ächzte nach klarer Luft, der Illusion von Freiheit.

Das Klack Klack Klack über ihr verstummte, wurde abgelöst von dem manischen Hacken des Beils, das wieder und wieder auf etwas niedersauste.

Bilder einer modrigen, mit Blut und anderem Unrat beschmierten Wiege tauchten unwillkürlich vor ihrem geistigen Auge auf. Sie schüttelte den Kopf, hoffte, die Bilder zu vertreiben. Die kalten Klauen der Angst griffen nach ihren Eingeweiden, verwandelten ihren Magen in einen harten, eisigen Knoten.

Eine Diele knarrte unter ihrem Fuß, der Klang laut wie ein Schuss in der sonst gedämpften Stille. Sie hielt inne, ihre Augen auf ihren Vater gerichtet. Eine lose, blonde Haarsträhne löste sich aus ihrem Zopf, fiel ihr ins Gesicht.

Es war albern, das wusste sie. Nach den üblichen zwei Flaschen Whiskey hätte Kenneth nicht einmal die Apokalypse selbst aus dem Schlaf gerissen.

Mit ihren vierzehn Jahren wusste Gretel nur zu gut, was ihr Vater tat – die Flucht hinaus aus der grausamen Realität, der panischen Angst vor der eigenen Frau und dem, was diese fähig war zu tun, in die Welt des Jack Daniel's Old No. 7 und dem Delirium, welches diesem schließlich folgte.

ooooooooooooooooo

Sie lehnte sich gegen die von außen geschlossenen Haustür, atmete erleichtert aus, erst jetzt gewahr der Tatsache, dass sie die ganze Zeit den Atem angehalten hatte.

Graue Wolken jagten über den Himmel, gehetzt von Herbststurmböen, die Blätter, eisige Regentropfen und den Geruch von Erde und faulendem Laub vor sich her trieben.

Das Rascheln der Efeublätter neben ihr klang beinahe so wie ein aufgeregtes Flüstern.

Gretel fragte sich, was die Wolken wohl alles sahen, auf ihrer Reise über den Himmel. Was gab es wohl alles da draußen auf der Welt?
Es musste doch noch mehr geben, als dieses einsame Haus am Rande der Zivilisation und die Felder und den Wald dahinter. Oder?

Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und zog die schmalen Schultern zum Schutz gegen die Kälte hoch. Ihre Hände gruben sich tief in die Taschen ihrer Jacke.

Über das Heulen des Windes hörte sie die langsamen, sanften Violinklänge, die schließlich gepaart mit dem Orchester den Anfang der Zigeunerweisen verkündeten.

oooooooooooooooooo

„Hänsel?" Gretel ging mit fest verschlungen Armen den kleinen Trampelpfad entlang, der durch einen wilden Garten zur Hinterseite des Hauses führte.

Gänsehaut kroch ihre Arme hinauf und sie unterdrückte ein Zittern. Wenigstens waren sie hier vor den durchdringenden Blicken ihrer Mutter sicher, die überall zu sein schienen.

„Hänsel?", rief sie noch einmal. Jetzt konnte sie den leisen Kindergesang hören, der vom Wind zu ihr getragen wurde.

Sie ging an einem, der großen mit Efeu umrankten Torbogen vorbei die den Garten, oder zumindest das, was die Natur davon noch übrig gelassen hatte, vom vorderen Teil des Hauses abtrennten.

Krähen flatterten krächzend in die Höhe, als sie die Wildnis hinter dem Haus betrat.

Ein Gefühl der Traurigkeit überkam sie. Dunkel konnte sie sich noch daran erinnern, wie der Garten einmal ausgesehen hatte. Aber das war lange her.

Grauen und Wahnsinn nisteten schon so lange in diesem Haus, das Gretel ihr altes Leben schon beinahe wie ein ferner Traum vorkam.

In einer kleinen Ecke, windgeschützt durch einen großen Eschenbaum und einer verwilderten Rankenhecke, kniete ihr kleiner Bruder, immer noch vor sich hin summend.

Er bemerkte ihr Kommen nicht, völlig vertieft in seiner Arbeit. Das Messer in seiner kleinen Hand glitt geübt in den Kadaver, trennte Fell von Haut; Fleisch von Knochen.

Jetzt konnte Gretel auch die Worte vernehmen -

Lizzy Borden nahm ein Beil
Schlug Papa in vierzig Teil
Als sie sah, was sie getan
Setzt sie's Beil bei Mama an.
Lizzy Borden nahm ein Beil…"

„Hänsel." Gretel trat neben ihren kleinen Bruder.

Erschrocken fuhr Hänsel herum, das Messer immer noch in der Hand. Dunkelrotes Blut rann in einem dickflüssigen Rinnsal den Griff hinunter und über seine Hand.

Der erschrockene Blick wich einem Lächeln, große braune Augen musterten sie voller Vertrauen, Liebe und Unschuld.

„Gretel!" Hänsel sprang auf und umarmte seine Schwester stürmisch, hinterließ dabei blutige Abdrücke auf ihrer Jacke. „Schau, ich hab ein neues Modell für meine Sammlung." Er deutete auf die spärlichen Überreste eines Hasen. Das Weiß der Knochen blitze zwischen Muskelfleisch und Sehnen und Gefäßen hervor. „Mama hat schon lange keine Hasen mehr gehabt." Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, um sich verirrte Haarsträhnen aus den Augen zu reiben und hinterließ dabei einen roten Streifen. Aufgeregt sah er wieder zu seiner Schwester. „Magst du mir bei der Beerdigung helfen? Ich will ihn da begraben, wo auch die anderen liegen."

Die anderen – Gretels Blick wanderte zu einem kleinen, freien Fleck ein Stück zu ihrer Linken an den Wurzeln einer großen Trauerweide. Eine erneute Sturmböe riss an den Ästen und Zweigen, zerrte an den Windspielen aus Knochen; die Schädel und Gebeine der Tiere durch die Witterung verblichen; ihre Farbe wie die von altem Pergament.
Das Fleisch, das Hänsel nicht hatte entfernen können hatten sich schon vor langer Zeit die Krähen geholt.

Unter diesen Windspielen waren dutzende von Steinen fein säuberlich zu einer Spirale angeordnet. Jeder dieser Steine stand für ein neues Modell, das Hänsel wieder zusammengesetzt hatte, unter ihnen die sterblichen Überreste von Katzen, Vögeln, Hasen und Hunden, manches Mal sogar die eines Fuchses, oder Dachses.

„Gretel?" Die Stimme ihres Bruders riss sie aus ihren dunklen Gedanken. Braune Augen sahen sie an, die Intensität und Sorge in ihnen völlig deplatziert in dem Gesicht eines sieben jährigen Jungen. „War Mama wieder gemein zu dir?"

„Nicht gemeiner als sonst.", entgegnete sie nur knapp und zog ihre Jacke noch fester um sich. Sie legte einen Arm um die Schultern ihres Bruders, ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. Egal wie schlimm es war, solange sie Hänsel an ihrer Seite hatte, würde sie freiwillig durch die Hölle gehen.

Es schien, als hätte er ihre Gedanken gelesen, als er zu ihr aufblickte und mit kindlicher Überzeugung sagte: „Eines Tages laufen wir zusammen weg. Wir gehen an einen Ort, wo Mama und Papa uns niemals finden werden und dann sind wir frei wie die Vögel."

Gretel verstärkte ihren Griff um seine Schultern, spürte die Wärme, die von ihm ausging – es war ein tröstendes Gefühl, ein tröstender Gedanke. „Das klingt toll, Hänsel. Das klingt sehr toll."

Ja, eines Tages würden sie weglaufen. Sie würden nie wieder zurückblicken und ein neues Leben beginnen. Es musste noch mehr da draußen geben, als nur diesen Ort – ein Stückchen Wahnsinn am Rande der Welt.

ooooooooooooooooo

„Gretel, ich hab Angst…", wimmerte Hänsel an ihrer Schulter und drückte sich noch dichter an sie.

„Schhhhh… es ist alles gut.", flüsterte sie. „Du kennst doch unser Spiel – des Nachts, wenn du ihre Schreie hörst, die von den Dachbodenwänden hallen, dann denk an mich, und ich bin bei dir. Ich beschütze dich. Solange sie da oben ist, sind wir in Sicherheit." Die Worte hallten dumpf in Gretel wider. Sie wünschte, sie könnte sie selbst auch glauben, doch es gab nirgendwo hier einen Ort wo sie wahrlich sicher vor Beatrice waren.

Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, so schnell, das sie dachte, es müsste jeden Augenblick zerspringen. Sie kämpfte darum, ihren Atem ruhig zu halten, so wenig Lärm wie möglich zu machen.

Draußen zerrte der Wind an den Sträuchern und dem Efeu, die das Fenster fast vollständig eingenommen hatten.

Wieder hörte sie, wie das Beil sein Ziel fand. Wieder und wieder sauste es hinab, trennte Kopf und Beine von Rumpf und Lenden.

Das melancholische Adagio der Geigen war in ein rasantes Allegro übergegangen. Ihre manischen Schreie verflochten sich mit den Noten des Orchesters.

Kenneth! Es ist deine Schuld! Du bist Schuld! Diese Familie… mein Baby! Oh mein Baby…."

Gretel zog die Decke fester um sich und Hänsel, drückte ihren Bruder noch dichter an sich. Ein Streifen dimmen Kerzenlichts, das aus dem Wohnzimmer kam, fiel durch die einen Spalt breit geöffnete Tür des Kinderzimmers. Es ließ die Knochen des noch unvollendeten Modells auf dem Tisch im dunklen Zwielicht schimmern.

Durch den Türspalt konnte Gretel ihren Vater sehen, wie er die Whiskeyflasche fest umklammert in seinen zitternden Händen hielt. Seine Knöchel zeichneten sich weiß von dem Rest seiner Hand ab, sein Gesicht eine versteinerte Maske der Angst und Verzweiflung.

Das Klack Klack Klack über ihrem Kopf setzte wieder ein, passte sich dem immer schneller werdenden Takt der Geigen an.

Gelächter erfüllte das Haus; es ließ Gretel das Blut in den Adern gefrieren.

Sie schloss die Augen; der Drang, dem kindlichen Glauben, dass das Monster einen nicht sehen würde, wenn man nur die Augen schloss, überwältigend.

In der Ferne hörte sie das leise Grollen des Donners. Ein Sturm zog auf; peitschte über die Felder, durch die Zweige der Bäume, zerrte am vertrockneten Gras, am Efeu und am Wein.

Letztendlich siegte doch die pure Erschöpfung und Gretel schlief ein. Doch auch hier sollte sie keine wahre Ruhe finden, selbst der Schlaf bot keine Zuflucht mehr, wenn man eine Gabe wie die ihre besaß…

oooooooooooooooo

Kerzenlicht flackerte tanzend über Wände, die im Rot des frischen Blutes leuchteten. Der Schein von hunderten von Kerzen brach sich matt auf ihnen, erhellte die Dachkammer in einem unheimlichen Licht; verlieh ihr etwas beinahe Geheimnisvolles.

Blut rann in dicken Tropfen und Rinnsalen die Wände hinab, sammelte sich in Pfützen auf dem abgenutzten Dielenboden, reflektierte das zitternde Licht der Kerzenflammen.

Die Axt lehnte an der gegenüberliegenden Wand.

Gretel wagte kaum zu Atmen, geschweige denn sich zu Bewegen. Sie kannte dies, kannte es in so vielen Szenarien.

Oh bitte Gott, lass mich doch aufwachen….

Es war nicht ihr Traum – sie war nur ein unfreiwilliger Gast, ein Voyeur in einer Welt, die ihr völlig fremd und nicht greifbar erschien.

Schon früh hatte sie gelernt, dass nicht nur der Wahnsinn ihre Mutter zu etwas Besonderem machten, sondern auch ihre Gabe; welche sie, ob gut, oder schlecht, an ihre Tochter weitergegeben hatte.

Ihr Blick wanderte unwillkürlich zu der einzig anderen Person – ihre Mutter saß, Gretel den Rücken zugewandt, auf einem wackeligen Stuhl neben einer modrigen Babywiege. Der einst mal weiße Himmel des Bettes konkurrierte nun mit den Holzwänden; ein Gemisch aus Rostbraun, Dunkelrot, Grau, Schwarz und Grün kämpften um die Oberhand, teilweise fehlten ganze Stofffetzen.

Ihr Körper wiegte sich leicht zu der Melodie der Musik.

Gretel wollte sich umdrehen und fliehen; die Treppe hinunter in die wartende Sicherheit laufen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Ihre Instinkte schrien, sie solle davonlaufen, doch stattdessen machten ihre Beine einen unsicheren Schritt nach vorne – die Macht, die sie zog, zu stark um sich dagegen zu wehren.

Der Boden unter ihren nackten Füßen war kalt und klebrig. Ihre Sohlen hinterließen blutige Abdrücke auf den alten Holzdielen.

Über das Rauschen in ihren Ohren, und dem donnernden Dröhnen ihres Herzschlages hinweg konnte sie die leise Stimme ihrer Mutter hören, die Melodie, die aus ihrem Mund kam, sanft und beruhigend.

Die Töne mischten sich mit dem melancholischen Lento der Violinen, trieben Schauer von Gänsehaut über Gretels Arme und Rücken.

Schlaf mein Kindchen, schlaf jetzt ein
am Himmel stehen die Sternelein
Schlaf mein Kindchen schlafe schnell
dein Bettchen ist ein Karussell
Schlaf mein Kindchen, schlaf jetzt ein
sonst kann das Monster nicht hinein…

„Gretel, mein Kind, wie schön, das du hier bist." Ein Lächeln schwang in Beatrice' Stimme mit.

Gretel hielt den Atem an, diese sanfte, ruhige Seite ihrer Mutter machte ihr mehr Angst, als die Momente des Wahnsinns, in denen sie furiengleich tobte. Es war wie die Ruhe vor dem Sturm.

„Mama…", flehte sie. Sie wollte aufwachen; wollte von diesem schrecklichen Ort verschwinden.
Eine kleine Stimme in ihrem Kopf flüsterte ihr zu, was gleich kommen würde, was unausweichlich war. Schon zu oft war sie in der Traumwelt ihrer Mutter gewandelt…

Das Wiegen ihrer Mutter stoppte. Der Stuhl ächzte unter der Bewegung, als Beatrice sich langsam zu ihrer Tochter umdrehte.

Ihr Gesicht war ausgezehrt, vom Wahnsinn entstellt. Reste von getrockneten Blutspritzern zierten Wange und Stirn, Irrsinn funkelte in ihren dunklen Augen.

In ihren Armen hielt Beatrice die in ein Leinen eingewickelte Leiche ihres Babys; weiße Knochen blitzten unter dem Stoff hervor, reflektierten das Kerzenlicht. Noch immer hafteten Sehnen und dunkelbraune Haare am Schädel des Kindes. Die leeren, schwarzen Augenhöhlen schienen Gretel beinahe zu durchbohren.

„Möchtest du dein Brüderchen ein bisschen Halten?"

ooooooooooooooooooo

Schreiend fuhr Gretel im Bett hoch. Ihr Herz hämmerte schmerzhaft schnell in ihrer Brust.

Mit einer zitternden Hand wischte sie sich den kalten Schweiß von der Stirn, fuhr sich durch das vom Schlaf zerzauste blonde Haar. Hinter ihren Schläfen pochte es unangenehm, die Nachwirkungen des Traumwandelns.

In einem langen Stoß blies sie den Atem aus, versuchte ruhig und gleichmäßig zu atmen.

Es überraschte und erleichterte sie zugleich, dass Hänsel nach wie vor friedlich zu schlafen schien. Das warme Gewicht ihres kleinen Bruders an ihrer Seite dämpfte die Panik ein wenig.

Ihr Blick glitt durch das immer noch in Dunkelheit getauchte Zimmer. Mittlerweile waren auch die Kerzen im Wohnzimmer verloschen, doch durch das Fenster konnte sie einen blassen Silberstreif am östlichen Horizont erkennen – die Morgendämmerung war nicht mehr fern.

Gretel zog die Knie zur Brust hoch, stützte die Ellenbogen auf diese und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Noch immer versuchte sie, den Aufruhr in ihrem Inneren zu beruhigen.

Sieben Jahre – sieben lange Jahre war es her, seit ihr altes Leben endete, seitdem Furcht und Manie das Haus und ihre Familie beherrschten.

Ihre Finger ballten sich zu Fäusten, zogen leicht an ihren Haaren.

Ungewollte Erinnerungen drängten sich ihr auf, schwirrten durch ihren Kopf wie Fliegen um einen Kadaver.

Es hätten Zwillinge werden sollen. Eineiige Zwillinge. Keiner wusste wann oder warum es geschah, aber einer der Föten starb noch im Mutterleib.

Gretel konnte nur erahnen, was es für ihre Mutter bedeutet haben musste, ein totes Kind zur Welt zu bringen, zu wissen, dass sich etwas Totes die ganze Zeit über in ihrem Leib befunden hatte, während der andere Säugling strampelte.

Außer in den Träumen ihrer Mutter hatte sie ihren anderen kleinen Bruder noch nie wirklich gesehen, wollte ihn auch nicht sehen. Das Wissen, dass die Leiche wirklich dort oben in der Dachkammer war reichte schon, um Schauer ihren Rücken hinunter laufen zu lassen.

Nur vage konnte sie sich noch an die Veränderungen erinnern. Es war ein schleichender Prozess gewesen, ein Krebsgeschwür, das langsam wuchs, größer wurde und immer mehr vereinnahmte.

Erst später, als sie älter wurde, hatte sie herausgefunden, dass das kleine, versteckte Grab im Garten einen leeren Sarg enthielt, ihr Bruder sich immer noch im Haus befand.

Ein Seufzen, das mehr einem Schluchzen glich, entrang ihrer Kehle. Sie hob den Kopf, ihre Augen wanderten zurück zu Hänsel. Seine früheren Worte hallten in ihrem Kopf wider:

Eines Tages laufen wir zusammen weg. Wir gehen an einen Ort, wo Mama und Papa uns niemals finden werden und dann sind wir frei wie die Vögel."

oooooooooooooo

Die Sonne versank als blutroter Feuerball hinter dicken, grau-purpurnen Wolken. Der, hinter den brachliegenden Feldern angrenzende Wald, war nicht mehr als eine dunkle, dichte Wand.

Wind peitschte durch die fast kahlen Äste der Bäume, die das Haus umstellten, riss am Blattwerk, trieb Wolkenfetzen vor sich her.

„Komm, Hänsel, lass uns reingehen, es wird spät." Gretel lachte, die Schrecken der Nacht fast vergessen. Sie sah über die Schulter, vergewisserte sich, dass ihr Bruder ihr folgte.

Doch als sie ihren Blick wieder nach vorne richtete, blieb ihr das Lachen im Halse stecken. In der offenen Tür stand Beatrice. Das letzte Licht des Tages spiegelte sich in ihren Augen; Irrsinn und kaum gezügelte Raserei verzerrten ihre Züge.

Ihr einer Arm umklammerte das Bündel mit den Gebeinen ihres Kindes, die andere Hand die Axt, von der noch immer Blut in dicken Tropfen rann.

Gretel blieb wie angewurzelt stehen, eine Hand ausgestreckt, um Hänsel am Weitergehen zu hindern. Kurz trafen sich ihre Blicke und sie konnte die gleiche Furcht in seinen braunen Augen sehen, die auch ihr die Kehle zuschnürte.

Alles in ihr trieb sie zur Flucht an, und doch konnte sie nicht mehr tun, als ihre Mutter mit großen, schreckgeweiteten Augen anzusehen.

„Hänsel! Komm, umarme deine Mutter." Beatrice' Stimme war schrill, manisch. Sie breitete den freien Arm in einer einladenden Geste aus, die Axt jedoch noch immer in ihrer Hand.

„Nicht.", flüsterte Gretel mit einem leichten Kopfschütteln. Ihr Atem kam in flachen Stößen, ein eisernes Band legte sich um ihre Brust, schnürte ihr langsam aber sicher die Luft ab.

Sie waren in Gefahr.

„Hänsel!", forderte Beatrice erneut, ihr Ton wurde drohend.

Gretel erhaschte einen kurzen Blick auf Kenneth, welcher durch das Fenster hindurch alles beobachtete, ein volles Whiskeyglas fest umklammert.

„Mama…", wimmerte Hänsel und drückte sich noch dichter an Gretel heran. „du machst mir Angst."

„Komm her! Sofort!" Ein Schrei der Raserei erklang aus Beatrice' Mund. Ihre Hand hob sich, die Finger krampften sich um den Griff des Beils. „Du kommst, denn du liebst deine Mutter. Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!"

Gretels Verstand hatte nur einen Herzschlag lang Zeit, zu erfassen, was passieren würde. Mit einem letzten, schweifenden Blick zum Fenster griff sie nach der Hand ihres Bruders und stürzte los in Richtung Wald.

„Lauf!" Es war der einzige klare Gedanke, der sich einen Weg an die Oberfläche erkämpfen konnte.

Hinter sich hörte sie das Kreischen ihrer Mutter und die schweren Schritte, die die Verfolgung aufnahmen.

ooooooooooooooooo

Zweige peitschten Gretel ins Gesicht, hinterließen blutige Striemen auf ihrer Wange, ihr Atem kam in kurzen, flachen Stößen, ihre Lungen brannten.

Sie fühlte, wie Hänsel hinter ihr strauchelte und ihr Griff schloss sich noch fester um seine Hand, zog ihn weiter hinter sich her. Sie traute sich nicht, einen Blick über die Schulter zu werfen.

Sie hatten den Rand des Waldes erreicht. Nur noch ein bisschen, und sie würden Beatrice abgehängt haben. Das hoffte sie zumindest.

Ihr Verstand arbeitete immer noch auf Autopilot, realisierte noch nicht, was genau sie gerade taten, welch großen, endgültigen Schritt sie gerade gewagt hatten.

Immer noch konnte sie die schweren Schritte hören, die ihnen unaufhaltsam folgten. Die hysterischen Rufe ihrer Mutter wurden vom Wind ergriffen und weit hinaus über das Land getragen.

„Hänsel, komm, nur noch ein bisschen." Ihre Stimme klang atemlos und panisch. Sie versuchte ihrem Bruder Mut zu machen, ihn anzuspornen, noch ein bisschen durchzuhalten.

Sie brachen weiter durch das Unterholz, flohen immer tiefer in das Herz des Waldes.
Die Schreie ihrer Mutter, und das furiengleiche Hacken der Axt wurden stetig leiser, verklangen im Rascheln der Laubes und dem Ächzen des Geästs.

Ein riesiger Dreiviertelmond erleuchtete die Baumkronen, brach stellenweise sogar durch sie hindurch und erhellte den Waldboden mit seinem bleichen Licht. Wolkenfetzen schoben sich an ihm vorbei, angetrieben vom Sturm, der auch an den Wipfeln der Bäume riss.

„Gretel –", flüsterte Hänsel keuchend und zog an ihrer Hand.

Sie hatten einen kleinen Hang erreicht, der von alten, knorrigen Eichen gesäumt war. Einige der dicken, dichten Wurzelgeflechte waren von Erde und Laub befreit und ragten hinaus ins Freie, vereinigten sich mit Farnen und anderem Gestrüpp.

„Hier entlang!", flüsterte Gretel zurück und sie krochen unter die Wurzeln, die zusammen mit dem anderen Unterholz eine Art kleine Höhle bildeten, bevor sie wieder den Erdboden durchbrachen und in der Tiefe des Erdreiches verschwanden.

Es war dieser Moment, dieses Ausharren in ängstlichem Schweigen, zusammengekauert wie ein Tier, in dem das volle Ausmaß der Situation auf Gretel hineinstürzte. Ihr Atem wurde schneller, kam in kurzen, harten Stößen. Sie war sich sicher, würde Beatrice sie jetzt finden, würden sie diese Nacht nicht überleben.

Die letzten Pfeiler der Vernunft, des rationalen Verstandes, der Person, die Gretel einst Mutter genannt hatte, waren fort – waren wie eine Brücke einfach von den reißenden Fluten des Wahnsinns fortgerissen worden, bis nur noch Trieb und Tollheit übriggeblieben waren.

Das Hacken der Axt wurde lauter, übertönte die manischen Schreie, die Beatrice immer noch ausstieß.

„Ich finde euch!", zischte sie, ihre Schritte kamen näher, knirschten auf dem mit Tannennadeln und Laub bedeckten Boden, gefolgt vom Schleifen der Axt.

Ein Zweig knackte in unmittelbarer Nähe ihres Verstecks.

Gretel kauerte sich noch tiefer zwischen die Wurzeln, drängte ihren Bruder noch weiter nach hinten, in der verzweifelten Hoffnung, ihn so vor ihrer Mutter schützen zu können. Sie wagte kaum zu Atmen; sicher, dass Beatrice jeden Moment ihr wild hämmerndes Herz hören würde.

„Husch, husch, mein Liebling, gib keinen Laut, bette dich sacht zwischen Dornen und Steinen."

Gretel presste sich eine Hand auf den Mund, um ein Schluchzen zu ersticken. Sie spürte, wie Hänsel sich enger an sie drückte, sein Gesicht in ihrem Rücken vergrub. Der Singsang ihrer Mutter war direkt über ihnen; sie war sich sicher, hätte sie nach oben gegriffen, hätten ihre Finger den zerrissenen Saum des Hochzeitskleids streifen können.

Ein paar Herzschläge lang herrschte völliges Schweigen, dann fuhr die Axt donnernd in den Baum über ihnen.

„Wo sind sie?! Kann sie nicht finden, kann sie nicht sehen! Wo sind sie? Wo? Wo?", heulte Beatrice. Sie ließ die Axt wieder und wieder auf den Baum niedersausen, schlug tiefe Kerben in den rauen Stamm.

Gretel biss sich auf die Hand, um einen Aufschrei zu unterdrücken und der kupferartige Geschmack von Blut füllte langsam ihren Mund. Hänsels Finger krallten sich in ihren Arm, so fest, dass seine Nägel kleine, blutige Halbmonde hinterließen.

Der Mond kam hinter einer Wand aus Wolken hervor und brach durch die beinahe kahlen Wipfel der Bäume, warf lange, verzerrte Schatten über den Waldboden.

Ein Schrei, wie Gretel ihn noch nie zuvor von einem Menschen gehört hatte, brach hinaus in die Nacht, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren, ihre Nackenhaare sträubten sich. Sie drückte sich eng an Hänsel, brauchte seine Nähe ebenso dringend, wie er die ihre.

„Sie sind fort!" Der Schrei mehr ein schrilles, ungläubiges Wehklagen. Die Axt fuhr mit einem letzten, endgültigen, lauten Krachen in den Baum, ließ ihn vom Stamm bis in die Krone erschauern, dann war plötzlich alles vorbei. Nur der Sturm heulte noch um sie herum, riss an ihren Kleidern, den Baumkronen und den Sträuchern.

oooooooooooooooooo

Gretel wusste nicht, wie lange sie zusammengekauert unter den Wurzeln ausharrten, vor Angst kaum wagten zu Atmen. Sie erwartete jeden Moment Beatrice' vom Wahnsinn entstelltes Gesicht zu sehen.

Doch schließlich hielt sie es nicht mehr aus; langsam, Zentimeter für Zentimeter löste sie sich von Hänsel und richtete sich auf, bis sie schließlich kniete.

„Gretel, nicht.", flüsterte Hänsel, seine Augen im Mondlicht unglaublich groß und schwarz vor Angst.

„Shhh, alles wird gut.", versuchte sie ihren Bruder zu beruhigen. Ihre Stimme enthielt mehr Überzeugung, als wie sie wirklich verspürte.

Sie holte tief Luft, hielt einen Moment inne, um sie dann in einem langen Zug wieder auszustoßen, dann spähte sie über eine im Baumschatten liegende Wurzel.

Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, doch es dauerte einige Sekunden, bis ihr Verstand endlich die vereinsamte Lichtung wahrnahm. Sie hatten es geschafft – Beatrice war fort.

Gretel sank zurück neben Hänsel, unsicher, ob sie lachen, oder weinen sollte. „Sie ist weg.", flüsterte sie, immer noch auf der Hut, nicht zu viel Lärm zu machen.

Hänsels Augen schienen noch größer zu werden, sie fingen das bleiche Licht des Mondes, spiegelten es wider. „Wirklich?" Freudig warf er einen Arm um sie, drückte sie an sich.

Gretel nickte nur – ihre Gedanken rasten. Sie waren frei, aber noch lagen viele Hürden vor ihnen; die größte von ihnen war, einen Weg durch den Wald zu finden.

Der Wald, der an die Felder hinter ihrem Haus angrenzte, war tief und verworren. Selbst beherzte Männer setzen nur selten einen Fuß in ihn hinein, und noch weniger von ihnen kamen am Ende auch wieder hinaus. Und die wenigen, die es tatsächlich hinaus schafften, lebten jetzt in einem Sanatorium außerhalb der Stadt.

Erneut fühlte Gretel, wie ihr Herz anfing zu Klopfen. Sie wusste nicht, wo sie warenoder wohin sie gehen mussten. Der einzige klare Gedanke in dem Tumult in ihrem Kopf war, dass sie es irgendwie in die Stadt schaffen mussten.

Die Stadt – Gretel war bisher nur einmal dort gewesen, lange bevor das Geschwür des Wahnsinns anfing, auch ihr Leben zu beeinflussen, es zu vergiften. Sie konnte sich nur vage an diesen Besuch erinnern – graue Häuserblöcke – zum Teil verfallen; Straßen, die kein Ende zu nehmen schienen, Raffinerien, aus denen pausenlos dicker, schwarzer Rauch aufstieg. Dort wären sie einfach nur zwei Individuen - niemand würde sich für sie interessieren, hinterfragen woher sie kamen, oder wohin sie gingen.

„Wir müssen in die Stadt.", sagte Gretel schließlich. Ihre anfängliche Freude war deutlich verblasst.

In diesem Wald lauerte Gefahr. Zu lange an einem Ort zu bleiben wäre keine gute Idee; aber wohin gehen? In welcher Richtung lag die Stadt?

„Wir sind frei, Gretel. Frei wie die Vögel!" Hänsel grinste sie mit dem zahnlosen Lächeln eines Siebenjährigen an.

„Ja, aber wir müssen vorsichtig sein. Dieser Wald ist gefährlich. Viel unheimliches Volk soll hier hausen – Diebe, Wegelagerer, Hexen und allerlei andere Gestalten." Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken, als ihr bewusst wurde, wie wehrlos und ausgeliefert sie waren.

Für einen flüchtigen Augenblick sah Gretel erneute Angst in Hänsel aufflackern, doch dann grinste er nur, und zog stolz etwas aus seiner Jackentasche.

„Was –?", begann Gretel fragend und blickte verständnislos auf die einzelnen Knöchelchen, die in Hänsels hohler Hand weiß leuchteten.

„Die sind von meinem letzten Modell. Ich hab unseren Weg damit markiert. Als wir vorhin weggelaufen sind, da hab ich immer wieder ein Knöchelchen fallen lassen. So können wir wieder zum Hauptweg zurück finden."

„Oh Hänsel, das ist großartig!"

Zum zweiten Mal in dieser Nacht fühlte sie, wie ein großes Gewicht von ihrer Brust genommen wurde, wie es leichter wurde zu atmen.

Diese Erleichterung sollte jedoch nicht lange vorhalten. Herbstböen hatten Laub und Geäst auf den Weg geweht und somit die Knöchelchen, die Hänsel so sorgfältig verstreut hatte unter einer, im Dunkeln nass-schwarz-glänzenden Decke verdeckt.

„Hänsel, warte," Gretel hielt ihren kleinen Bruder am Arm fest. Sie wusste nicht, wie lange sie schon umher geirrt waren, aber lange genug, um zu wissen, dass sie nicht mehr zum Weg zurückfinden würden.

Hänsel blieb stehen und drehte sich fragend zu ihr um.

„Wir haben uns verlaufen." Gretel versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. Sie spürte, wie Tränen in ihren Augen brannten und war dankbar für die langen Schatten der Bäume, die vom bleichen Mondlicht geworfen wurden und ihre Züge verbargen.

„Aber Gretel, sieh doch da vorne – das Licht." Hänsel zupfte an ihrem Ärmel und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf einen blassen Lichtschimmer ein Stück vor ihnen zwischen den Bäumen.

ooooooooooooooooo

Nur mit Mühe und Not konnten sie sich einen Weg durch das dichte Dickicht des Waldes erkämpfen; wie Motten vom Licht angezogen.

Vorsichtig spähten sie über einen umgefallenen Baumstamm. Moos und Baumpilze bedeckten die alte, schroffe Rinde, verströmten ein beinahe betäubendes Aroma.

„Großer Gott…", Gretel presste eine Hand auf ihren Mund, ihre Augen glitten über die von Kerzen übersäte Lichtung.

Hunderte von dicken, talgigen Wachskerzen bedeckten Baumstümpfe und Steine, vereinigten sich zu einem Weg, der schließlich flackernd vor einem gläsernen Sarg endete. Wachs rann von auf dem Deckel platzierten Kerzen, lief weiter und tropfte schließlich auf den Boden, wo sich kleine Gebilde geformt hatten, sich mit Laub und anderem Unrat mischten.

Der Hauch der Schönheit war der jungen Frau selbst im Tod noch nicht geraubt worden. Ihr Haar, das wie ein Fächer auf dem Kissen ausgebreitet war, war schwarz wie Ebenholz, ihre Lippen rot wie Blut, und ihre Haut so weiß wie Schnee.

Gretel erwartete jeden Moment das Heben und Senken der Brust der Toten zu sehen, doch stattdessen zerriss ein markerschütternder Schrei die Stille der Nacht.

Flüchtig konnte Gretel noch einen Blick auf eine rote Kappe zwischen den Zweigen erhaschen, dann verklang der gepeinigte Laut langsam zwischen den Bäumen.

„Hänsel, komm, wir sollten von hier verschwinden." Gretel legte eine Hand auf die Schulter ihres kleinen Bruders. Hänsels Augen glitten immer noch fasziniert über die wabernden Kerzen, die die Lichtung säumten.

„Ja." Seine Stimme war von kindlichem Staunen gefüllt, sein Blick landete ein letztes Mal auf der toten Frau, wanderte weiter über den Sarg. „Wer, denkst du, hat sie hier beerdigt? Und wer hat all diese Kerzen entzündet?" Er sah seine Schwester fragend an, ließ sich von ihr mitziehen; tiefer hinein in die Dunkelheit des Dickichts.

„Ich weiß es nicht. Aber das braucht uns auch nicht zu kümmern – komm."

Sie stolperten weiter durch das immer dichter werdende Unterholz. Der Mond half ihnen, tauchte die Umgebung in ein gespenstisches, blasses Licht, doch auch er war den rasenden Wolkenfetzen machtlos ausgeliefert, die sich immer und immer wieder vor seinen Hof schoben, den Wald kurzzeitig in ein Spielfeld aus Licht und Schatten tauchten.

Gretels Mut sank mit jeder verstreichenden Minute, die sie weiter herumirrten.
Der Wind war hier, zwischen all den Bäumen und Sträuchern, nicht so stark wie auf dem freien Feld, doch er riss am Geäst, rüttelte an Farnen und Büschen. Es schien, als ob es um sie herum nur so von Gestalten wimmeln würde, die sich in den Schatten versteckten, nur darauf warteten, sie zu packen, ihre knochigen, abgemagerten Arme nach ihnen auszustrecken.

Sie schüttelte leicht den Kopf, um die Schreckensbilder zu vertreiben. Sie würden schon einen Weg finden. Es musste einen Grund geben, warum sie Beatrice' Wahnsinn so lange standgehalten hatten. Bei Gott, sie würden nicht in diesen Wäldern sterben wie zwei verwundete Tiere.

„Hänsel –", Gretel holte erschrocken Luft und blieb stehen, eine Hand um Hänsels Arm geschlungen. Die Bewegung war nur aus dem Augenwinkel wahrzunehmen gewesen, aber sie war sich sicher, dass sich zu ihrer Linken etwas bewegt hatte.

Sie kniff die Augen zusammen – ja, das Mondlicht spiegelte sich tatsächlich auf etwas wider – etwas, das…

Gretel machte einen Schritt auf die Reflexion zu. „Ein Brunnen. Sieh, Hänsel, der Mond spiegelt sich auf den nassen Steinen wider."

Auch Hänsel kniff nun die Augen zusammen. „Er sieht alt aus. Denkst du, es gibt dort noch Wasser? Ich habe Durst." Ein leises Jammern schlich sich in die Worte des kleinen Jungen. Gretel konnte nur erahnen, was dies alles für ihren Bruder bedeuten musste.

In einer tröstenden Geste legte sie einen Arm um Hänsels Schultern und drückte ihn für einen kurzen Moment an sich. „Halte noch ein bisschen durch, hörst du? Spätestens bei Tagesanbruch sind wir aus diesen Wäldern raus." Sie lächelte aufmunternd; hoffte, dass Hänsel etwas Mut daraus schöpfen konnte. „Was meinst du, sollen wir mal gucken, ob es dort noch Wasser gibt? Mein Hals ist nämlich auch schon ganz trocken."

Hänsel nickte nur und schenkte ihr ein etwas zittriges Lächeln.

„Sieh, Gretel, er ist wirklich schon sehr alt. All diese Efeuranken und das Moos." Mit frischer Neugier hockte sich Hänsel vor den Brunnen, eine Hand gegen die feucht-kalten Feldsteine gepresst, die den Brunnen bildeten. „Hey, was denkst du ist das?" Er strich mit einem Finger über etwas Weißes, das an einem der Steine haftete.

Gretel, die gerade angestrengt dem leisen Fallen kleiner Kiesel gelauscht hatte, die in dem tiefschwarzen Abgrund des Brunnens verschwunden waren, sah zu ihrem Bruder hinab. „Was meinst du?"

„Kreide. Das ist Kreide, Gretel. Wie auf meiner Tafel." Ein Stirnrunzeln machte sich auf Hänsels kindlichem Gesicht breit und Gretel verspürte ein dumpfes Nagen von Zweifeln. Ihr Zuhause war kein Ort für ein Kind, aber dieser Wald war genauso wenig geeignet.

„Kreide? Bist du sicher?" Sie kniete sich hin und musterte den Stein genauer.

Die Wolfspranke kam aus dem Nichts. Ohne Vorwarnung schnellte sie plötzlich aus der Dunkelheit und krampfte sich um einen vorgewölbten Stein in der Brunnenmauer, gefolgt von einem tiefen, rasselnden Atmen, das einem Knurren glich.

Instinkte, von denen Gretel nicht einmal wusste, dass sie sie besaß , übernahmen die Kontrolle und ließen sie Hänsel beschützend hinter sich ziehen, während sie einen stolpernden Schritt zurück machte.

„Ich huste…. Und puste…." Erklang eine raue, gequälte Stimme. Im Mondlicht konnte Gretel erkennen, wie sich ein riesiger Wolf schwerfällig über den laubbedeckten Waldboden schleppte. Seine scharfen Zähne blitzten bedrohlich, ließen Gretels Herz noch schneller Adrenalin durch ihren schmalen Körper pumpen. Ihre Beine waren wie angewurzelt vor Schreck.

Doch etwas war seltsam an der Physiognomie des Wolfes. Sein Bauch war dick, unförmig nach außen gewölbt, fast so, als würde etwas Schweres in seinem Magen ruhen.

In einer immensen Anstrengung kroch der Wolf erneut dichter auf sie zu. Jetzt konnten die Kinder das Zusammenschlagen von Steinen im Magen des Tieres hören.

Der Wolf stöhnte, ein gepeinigter Laut. „Wartet nur… ich werde euch Fressen. Knochen… für Knochen werde ich euch abnagen, bis nichts mehr… von euch übrig ist." Er hustete und eine der vielen, grob zusammengeholten, langen Nähte riss, entblößte einen Schwall von Blut und die glänzende Ecke eines schweren Wackersteins.

Ohne nachzudenken zog Gretel ihren Bruder hinter sich her, die animalischen Rufe des Wolfes ignorierend.

Blindlings rannten sie durch das Unterholz, achteten weder auf den Weg, noch auf die Augen, die ihnen in der Dunkelheit folgten, jeden ihrer Schritte beobachteten.

Hänsel stolperte, zog Gretel, die nicht auf das plötzliche Gewicht vorbereitet war mit zu Boden.

„Au –", wimmerte Hänsel und hielt sein Knie.

Gretel kniete keuchend auf allen Vieren auf dem kalten Waldboden, ihre Hände formten sich zu Fäusten, krallten sich ins faulende Blattwerk unter ihnen. Sie spürte, wie sie zitterte. Nur mit Mühe konnte sie die Tränen unterdrücken, die in ihren Augen brannten, die Welt in einen schwimmenden, dunklen See verwandelten. Der Wunsch, aufzugeben, erschien überwältigend.

Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber die Chancen, lebend aus diesem Wald hinauszugelangen, schwanden mit der verrinnenden Zeit wie Sand aus einer Sanduhr. Die nagenden Zweifel und Schuldgefühle strichen um ihre Brust, woben ein Eisenband um ihre Lungen, flüsterten giftige Fragen in ihr Ohr.

Hatte ihre Angst vor Beatrice sie letztendlich dazu verleitet, ihren geliebten Hänsel in einen sicheren Tod zu führen?

„Gretel?" Hänsels Stimme war leise und tränenerstickt.

Gretel stieß in einem langen, kontrollierten Stoß die Luft aus, hoffte, so den Aufruhr in ihrem Inneren etwas zu zähmen, dann sah sie auf.

Hänsel hatte immer noch eine Hand auf sein Knie gepresst. Der Stoff war zerrissen und schimmerte an einigen Stellen schwarz im Mondlicht, dort, wo Blut das Leinen durchtränkt hatte. Gretel konnte immer noch die glänzenden Tränenspuren auf seinen Wangen erkennen.

„Shhh, alles ist gut. Ich puste dir den Schmerz weg, kleiner Bruder." Sie kroch auf ihren Bruder zu, kaum gewahr der kühlen Nässe, die vom feuchten Boden durch ihre dünne Strumpfhose drang. Ihre Hand zitterte, als sie sanft seine Finger löste, um so einen besseren Blick auf sein Knie zu haben.

„Siehst du, es ist gleich besser." Die Worte hallten leer in ihr wider, doch Aufgeben war keine Lösung. Sie pustete sanft über die Schürfwunde in seinem Knie.

Eine Windböe erfasste ihre Haare, wehte ihr lose Strähnen in die Stirn, zerrte an dem Geäst und Buschwerk um sie herum, trug Stimmen und das Prasseln eines Feuer mit zu ihnen herüber.

Ein defuser Lichtschein fiel zwischen den wankenden Büschen ganz in ihrer Nähe hindurch, zeigte die Schatten zweier gedrungener Gestalten, die um ein großes Lagerfeuer tanzten.

„Morgen Nacht hol ich der Königin ihr Kind!" Irres Gelächter folgte dem diabolischen Singsang.

Der zweite im Bunde stimmte in den Singsang ein. „Der Königen ihr Kind. Ach wie gut, dass niemand weiß, dass Ich Rumpelmüß heiß." Mehr Gelächter erfüllte die Nachtluft.

Das Feuer flammte noch heller auf, grüne Feuerzungen leckten an den tiefhängenden Ästen einer alten Buche.

„Ach wie gut, ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!"

Gretel kauerte sich schützend über Hänsel, ihre Arme fest um seine dünnen Schultern geschlungen. „Schsch, mach keinen Lärm. Ich bin da.", flüsterte sie in Hänsels dichtes Haar. Sie atmete tief den Geruch ihres kleinen Bruders ein, dann ließ sie ihren Tränen freien Lauf.

ooooooooooooooo

Es dauerte einige Zeit, bis die Kinder sich wieder gefasst hatten.

Das Feuer war längst erloschen, nur noch der leichte Schimmer von glimmenden Kohlen erinnerte noch an den Ort, wo einst die zwei Gestalten teuflisch lachend getanzt hatten.

„Hänsel, komm, wir müssen weiter." Gretel rüttelte sanft an ihrem kleinen Bruder, welcher in ihrer Umarmung eingeschlafen war. Auch sie verspürte eine bleierne Müdigkeit, die sich wie eine riesige Decke über sie zu legen schien. Aber noch durfte sie nicht ruhen. Ein sicherer Unterschlupf, das war das Mindeste, was sie finden mussten.

Hänsel murmelte etwas, das Gretel nicht verstand und rieb sich verschlafen die Augen.

„Komm. Wir suchen uns ein Versteck zum Schlafen." Gretel zog Hänsel auf die Beine.

Hänsel wimmerte leicht, als die Bewegung an den Kratzern zog, doch schließlich folgte er seiner Schwester bereitwillig.

Das Mondlicht war gedämpft durch die dichter werdenden Wolken, die sich vor der riesigen Sichel des Dreiviertelmondes auftürmten.

Gretel zog die Schultern hoch, versuchte sich gegen die beißende Kälte des Sturms zu schützen, ihr Atem formte kleine, weiße Wolken vor ihrem Mund. Sie zog Hänsel hinter sich her, Sorge und die Instinkte einer großen Schwester nagten an ihr, verwandelten ihre Eingeweide in einen einzigen, harten Knoten.

Gretel verlor jeden Sinn für Zeit und Raum. In der zunehmenden Dunkelheit war es schwer, überhaupt noch etwas auszumachen. Wieder und wieder stolperte sie über Wurzeln, die aus dem Nichts zu kommen schienen, nach ihren Knöcheln griffen und sie zu Fall zu bringen drohten.

Hänsels schlaftunkene Stimme ließ sie zusammenzucken. In ihrer Benommenheit hatte sie nicht bemerkt, dass ihr Bruder schon seit einiger Zeit versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Was –?" Sie blieb stehen und drehte sich zu Hänsel um.

„Da weint jemand."

Die Monotonie in der Stimme ihres Bruders – mehr als die eigentlichen Worte – ließen einen Schauer ihren Rücken runter laufen, der nichts mit der Kälte der Herbstnacht zu tun hatte.

„Wo? Ich höre –", sie verstummte, als eine Windböe ein leises Schluchzen an ihr Ohr trug. Gretel schluckte schwer.

„Vielleicht hat sie sich verlaufen. So wie wir und weiß nicht mehr wohin." Hänsel wirkte plötzlich wieder aufgeweckter. Seine großen, braunen Augen musterten die ihren.

Gretel spürte, wie ein innerlicher Kampf in ihr losbrach; zerrissen zwischen dem Drang, einer Person in Not zu helfen und dem dumpfen Gefühl, dass dies auch genauso gut eine Falle sein konnte.

Schließlich nickte sie seufzend, ein kurzes Stoßgebet gen Himmel sendend, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Wenn nicht, waren sie so gut wie tot.

ooooooooooooooo

Es dauerte nicht lange, bis sie erneut auf eine kleine Lichtung stießen. Im dimmen Mondlicht konnten die Kinder eine schlanke Gestalt in einem weißen Leinenkleid auf einem alten Baumstumpf sitzen sehen.

Die junge Frau hatte ihnen den Rücken zugedreht. Der Wind spielte mit ihren langen, schwarzen Haaren, einzelne Strahlen des Mondlichts fingen sich in ihren Strähnen, ließen es wie Obsidian schimmern.

Das Weinen war jetzt deutlicher zu hören, herzzerreißend verwob es sich mit dem Rascheln der Bäume um sie herum.

„Hey,", rief Gretel, um die junge Frau nicht zu erschrecken, doch die gewünschte Reaktion blieb aus. Die einzige Antwort, die Gretel auf ihre Worte bekam, war das stetige Beben der Schultern des Mädchens und das fortwährende Schluchzen, das nicht abzureißen schien.

Behutsam setzte Gretel einen Fuß vor den anderen, darauf bedacht, immer vor Hänsel zu bleiben.

„Hey, hast du dich verlaufen?", versuchte sie es erneut.

„Wir haben uns auch verlaufen.", erklang Hänsels hohe Kinderstimme.

Gretel warf ihm einen mahnenden Blick über die Schulter zu, dann stand sie vor der jungen Frau.

Das Mondlicht erkämpfte sich einen Weg durch die zunehmende Wolkendecke und tauchte die Lichtung in ein gleißendes, bleiches Licht.

Gretels Aufschrei hallte durch die eisige Herbstnachtluft. Sie stolperte entsetzt zurück und brachte damit sich und Hänsel zu Fall, riss sich die Handfläche an einem vertrockneten Dornenbusch auf. Doch dies verblasste alles angesichts dessen, was vor ihnen saß.

Das kühle Licht des Mondes erhellte deutlich jedes noch so abstoßende Detail der Arme der jungen Frau. Beide Hände fehlten, dort, wo sie eigentlich hätten sein sollen, erinnerten nur blutige Stumpen an ihre Existenz. Das weiß der Knochen blitzte zwischen Muskelfleisch und groben schwarzen Nähten hervor.

Unfähig, sich zu rühren, starrte Gretel nur auf das Mädchen.
Ihr Gesicht war gesenkt, Haare fielen ihr in die Stirn, strichen ihr über die hohen Wangenknochen.

Im Bruchteil einer Sekunde verstummte das Wehklagen und die junge Frau hob ihren Blick und Gretel hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

Blutige Tränen rannen dem Mädchen über die bleichen Wangen, hinterließen im Mondlicht schwarze Flecken auf dem weißen Gewand. Ihre Augen wirkten riesig in dem lieblichen Gesicht. Durchdringend waren sie direkt auf Gretel gerichtet, ihre Iris milchig-weiß von herbeigeführter Erblindung.

Von Panik und Todesangst angetrieben kam Gretel stolpernd wieder auf die Beine und zog Hänsel hinter sich her. Ihre Hand war glitschig vom Blut, das nach wie vor aus dem frischen Schnitt in ihrer Hand floss, doch sie ließ Hänsel nicht los.

Adrenalin pumpte mit jedem hämmernden Herzschlag durch ihren Körper, gab ihr die Kraft, ihren schmalen Körper bis an seine Grenzen und darüber hinaus zu treiben.

Hustend und nach Luft ringend brach sie schließlich inmitten von großen, knorrigen Wurzeln einer alten Esche zusammen.

Für einige Augenblicke hörte sie nichts Anderes, außer dem Pochen ihres Herzens und ihrem Keuchen nach Atem.

Als sie schließlich ihren Blick hob, sah sie Hänsel bitterlich weinend zusammengekauert neben sich liegen.

Wortlos hob sie ihren Bruder hoch und kuschelte sich an ihn, ihren Rücken gegen die schroffe Rinde des Baumes gelehnt. Sie drängte sich dicht an Hänsel, schlang ihre Arme um ihren Bruder, um so soviel Wärme wie möglich einzufangen.

Mit dem Gewicht ihres Bruders im Arm gab Gretel schließlich der bleiernen Müdigkeit nach und sank in einen tiefen Schlaf.

Nur Gott allein wusste, ob sie den nächsten Morgen erleben würden oder nicht.

oooooooooooooooooo

„Gretel! Gretel, wach auf!" Hänsel rüttelte aufgeregt an Gretels Schultern.

Gretel blinzelte verschlafen. Das trübe, graue Tageslicht fiel gedämpft durch die dichten, zum Teil kahlen Kronen der Bäume.

„Hänsel?" Sie setzte sich auf, rieb schlaftunken eine Hand über ihren Nacken, welcher von der unbequemen Haltung der letzten Stunden steif war und schmerzte.

Wieder hatten Träume sie heimgesucht, hatten sie wandeln lassen in einer Welt die von Wahnsinn und Besessenheit regiert wurden.

Es dauerte einen Moment, doch dann sickerten die Informationen durch ihren verklärten Verstand – es war Morgen. Sie hatten die Nacht überlebt.

„Gretel, horch doch!" Hänsels Augen leuchteten aufgeregt; wieder zupfte er an ihrer Jacke.

„Was –?" Sie lauschte in die unheimliche Stille des Waldes. Einzig das Heulen des Windes, das ein dauerhafter Wegbegleiter zu sein schien, drang an ihr Ohr. „Ich höre nichts." Suchend sah sie sich um.

„Aber Gretel, hörst du nicht diese Melodie? Ihre Stimme ist so wunderschön." Gretel bemerkte beunruhigt den abwesenden, verträumten Blick in Hänsels braunen Augen. Etwas in ihrem Inneren verkrampfte sich; ein ungutes Gefühl fraß sich durch ihre Eingeweide.

„Komm Gretel, lass uns sehen, wer so toll singen kann." Hänsel zog erneut an ihr, ungeduldiger dieses Mal.

„Aber Hänsel –" Schwerfällig kam sie auf die Beine, ihre Glieder steif und unbeweglich von der Kälte.

„Komm!" Ihr Bruder zerrte sie hinter sich her; zielstrebig manövrierte er sie durch das Dickicht und Unterholz. Es schien beinahe so, als ob etwas anderes ihn antreiben würde.

Mit jedem neuen Schritt wuchs Gretels Unbehagen. Etwas war nicht in Ordnung – Gefahr drohte, sie wusste nur nicht von welcher Seite sie dieses Mal kommen würde.

Das Unterholz wurde dichter, die gesamte Landschaft wilder und undurchdringlicher. Nur spärlich drang noch Tageslicht bis zum Boden hindurch. Gretel war sich sicher, dass sie im Herzen des Waldes angelangt waren.
Nebel schlängelte sich um die rauen Stämme der Bäume, liebkoste und bedeckte Farne und anderes Gestrüpp.

Als sie durch eine weitere Wand aus Efeuranken und anderem Geäst brachen, erblickte sie ein Moor zu ihrer rechten. Nebelschwaden waberten über der sumpfigen Wasseroberfläche. Braune Grasbüschel, und morsche Baumstämme ragten wie Geschwüre hinaus ins Freie.

„Hänsel, wo führst du uns hin?" Gretel rang darum, ihre Stimme fest und bestimmend klingen zu lassen, die Angst zu verbergen, die sich immer deutlicher in ihr ausbreitete.

„Wir sind fast da. Ihr Gesang ist so nah. Hör doch nur, diese schöne Melodie." Hänsel warf ihr einen Blick über die Schulter zu, seine braunen Augen verklärt und abwesend. „Es klingt fast so, wie diese Melodie, die du mir immer zum Einschlafen vorgesungen hast, als ich noch klein war."

Ein Schauer lief über Gretels Rücken, der nichts mit der beißenden Kälte zu tun hatte, die sie umgab, ihr durch Mark und Bein kroch.

Sie hielt den Atem an und lauschte, doch noch immer konnte sie nichts hören. Einzig das Heulen des Herbststurms und das laute Hämmern ihres Herzens unterbrachen die Stille.

Ihre Augen wanderten zurück zum Moor, während sie sich stolpernd von Hänsel weiterzerren ließ. Sie erwartete jeden Moment Hände aus dem trüb-braunen Wasser hinaufschnellen zu sehen. Ruhelose Seelen, denen ein noch schlimmeres Schicksal widerfahren war, als ihnen.

„Da ist es."

Gretel hatte nicht mit Hänsels abruptem Halt gerechnet und rannte blindlings in ihn hinein.

Leise fluchend griff sie nach ihrem Bruder, schaffte es gerade noch, sie beide aufrecht zu halten.

Ihr Herz klopfte schneller – etwas stimmte nicht mit Hänsel. Alle Aufregung war verschwunden, stattdessen starrte er nur stumm an ihr vorbei auf etwas, das vor ihnen lag.

Gretel hob ihren Blick – und erstarrte. Für einige Augenblicke konnte und wollte ihr Verstand nicht begreifen, was vor ihnen lag.

Vor ihnen auf einer Lichtung stand ein Haus.

Wurzeln und Ranken waren aus dem Boden geschossen, verschlangen sich zu einem einzigen großen Stamm, welcher sich nach oben hin verjüngte, ein schmales Fundament für das auf ihm ruhende Haus bildete. Eine ständige Bewegung schien von ihnen auszugehen, gar so, als ob sie permanent wuchsen, sich bewegten, erneut verschlangen oder lösten.

Die Konstruktion sprach gegen alles, was Gretel in ihrem jungen Leben über Naturgesetze gelernt hatte, und doch stand das Haus unbeweglich auf dem Sockel aus sich windenden Wurzeln.

Ein Pulsieren schien von ihnen hervorzugehen, fast so, als ob sie einen Herzschlag besaßen; als ob sie lebendig waren.

Das Haus selbst war ein Bau aus groben Feldsteinen und Metallschindeln. Zwei verschlungene Türme bildeten den Blickfang des Hauses. Verschlungen zwischen ihnen lag das Erdgeschoss; ein kleiner, neuer aussehender Anbau an der Westseite bildete das eine Ende des Hauses.

Doch es war das Mühlrad an der Nordostseite des Hauses, das Gretel ungläubig blinzeln ließ. Ein klappriges Mühlrad drehte sich ächzend über dem Abgrund des Wurzelfundaments. Wasser, von dem Gretel nicht wusste, woher es ohne einen Bach oder jeglicher anderen Wasserquelle kam, plätscherte in einem dünnen Wasserfall hinab und doch erreichte es nie den Boden.

Gretel blinzelte erneut. Sie war sich nicht sicher, ob ihre Augen ihr einen Streich spielten, doch es schien, dass die Wurzeln sich zu einer schmalen Treppe zu formen begannen, die in verschlungenen Windungen nach oben führte.

„Komm," Hänsels leise, emotionslose Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Seine kleine Hand schloss sich um die ihre und er zog sie mit sich in Richtung Treppe und diese schließlich hinauf.

Angst breitete sich mehr und mehr in ihrem Inneren aus, fraß sich durch sie hindurch, während sie den sich gerade formenden Stufen folgte.

Auf dem Plateau angekommen erhaschte Gretel zum ersten Mal einen Blick auf den großen, ausladend gewachsenen Apfelbaum hinter dem Haus. Alte, schrumpelige Äpfel hingen in seiner kahler werdenden Krone. Augenscheinlich hatten sie bis jetzt den Herbststürmen und Witterungen trotzen können.

„Hänsel, wir haben hier nichts zu suchen." Gretel ahnte böses. Sie konnte nicht Atmen, ihre Kehle war vor Angst wie zugeschnürt.

Ihr Bruder blieb vor der geschlossenen Haustür aus grobgehackten Eichenholz stehen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm; er war nicht er selbst zu sein. Es schein wie eine Art Trance oder etwas Derartiges, das von ihm Besitz ergriffen zu haben schien.

„Knusper, knusper, knäuschen, wer ist da an meinem Häuschen?", erklang plötzlich eine vom Alter gezeichnete, rauchige Frauenstimme.

Gretel unterdrückte nur mit Mühe einen erschreckten Aufschrei und sah sich suchend um, woher die Stimme gekommen sein konnte.

Hänsel dagegen schien die Stimme gar nicht bemerken zu haben. Apathisch starte er weiterhin nur auf die Vordertür.

Ihre Gedanken rasten. Was konnte sie schon sagen? „Der Wind, der Wind…"

Ein kehliges Gelächter erklang und die Tür öffnete sich knarrend.

„Hänsel –", Gretel zerrte an Hänsels Arm, doch es war bereits zu spät. Die schwere Holztür stand offen und eine runzlige, vom Alter gezeichnete Frau stand vor ihnen. Ihr Gesicht war eingefallen und faltig; ihre grau-weiß melierten Haare waren zu einem strengen Dutt zusammengebunden.
Ihr gebeugter Gang wirkte schwerfällig und schmerzhaft. Arthritische Finger hielten sich am Türrahmen fest.

„Oh schau nur, schau nur, was mir der Herbstwind da hineingeweht hat." Ein Leuchten ging durch die Augen der alten Frau und Gretel lief es eisig kalt den Rücken hinunter. Die Alte besaß nur noch ein gesundes, graues Auge. Ihr rechtes Auge war milchig-trüb, eine Pupille nicht mehr zu erkennen und doch glaubte Gretel für den Bruchteil einer Sekunde ein dunkles Leuchten in ihm gesehen zu haben.

„Wir wollten gerade –", setzte Gretel an, wurde aber gleich unterbrochen.

„Ihr wolltet bestimmt gerade hereinkommen und euch ein wenig aufwärmen, hab ich recht?" Mit einem Lächeln, das das Gesicht der Alten zu einer grotesken Fratze entstellte, gab sie den Eingang frei und gewährte den Kindern Einlass.

Hänsel trat ohne zu Zögern über die Schwelle und verschwand im Zwielicht des Hauses. Gretel schluckte – jetzt hatte sie keine andere Wahl, sie musste Hänsel beschützen.

ooooooooooooooooo

Was als nächstes passierte vermochte Gretel später nicht mehr zu sagen. Sie konnte sich nur noch undeutlich daran erinnern, plötzlich sehr Müde geworden zu sein – so müde, dass sie ihre schweren Lider unmöglich hatte offen halten können.

Jemand strich ihr über das zerzauste Haar, über ihre Wange und Stirn. Die Hand fühlte sich schwielig und rau auf ihrer zarten Haut an.

„Du hast eine ganz besondere Gabe, mein Kind. Mit so einer Gabe könntest du dir selbst die Mächtigsten der Mächtigen untertan machen. Du wirst eine würde Schülerin, eine würdige Nachfolgerin sein."

Gretels benommener Verstand versuchte zu verstehen, was die Worte bedeuteten, doch es war schwer einen klaren Gedanken zu fassen.

Die Hand hielt inne. „Ich weiß, dass du nicht schläfst. Aufgewacht, aufgewacht, ein neuer Morgen lacht. Komm, mach die Augen auf, mein Kind, es gibt viel zu tun."

Ertappt blinzelte Gretel, ihre Lider immer noch schwer wie Blei.

Sie befand sich auf einer durchgelegenen Matratze ganz in der Nähe des offenen Kaminfeuers, welches prasselnd und knisternd das Feuerholz verschlang. Felle und alte Lumpen umhüllten und wärmten ihren schlanken Körper.

Die Alte war aufgestanden und stand jetzt über einen großen, gusseisernen Topf gebeugt, der auf einem Rost im offenen Feuer stand. „Du hast lange geschlafen. Hätte ich gewusst, wie ausgezerrt ihr gewesen seid, hätte ich weniger Alraunwurzel, Mohn und Bergwohlverleih genommen."

„Wer bist du?" Gretel rieb sich eine Hand über Augen und Stirn. Hinter ihren Schläfen pochte es schmerzhaft.

„Mein Name hat schon lange keine Bedeutung mehr." Die Alte sah auf, ihr blindes Auge fixierte Gretel. „Ich bin die Hexe, die diese Wälder bewohnt; alles andere ist unwichtig." Sie tauchte eine Tasse in den brodelnden Inhalt des Kessels und hielt sie Gretel einladend hin.

Er jetzt bemerkte diese den beißenden Geruch, der das gesamte Haus erfüllte.

„Kinderfett – es lehrt uns Fliegen."

Angewidert und zu Tode geängstigt sprang Gretel auf und taumelte auf die Haustür zu, doch sie kam nicht so weit. Kurz vor dem Ziel brach sie zusammen, ihre Beine noch immer schwach von der Kräutermixtur.

„Aber, aber, mein Kind." Die Tasse abstellend, kam die Hexe langsam auf sie zugeschritten. Trotz des Alters wirkten ihre Bewegungen plötzlich grazil und flink.

„Bitte –", Tränen rannen über Gretels Gesicht. „lass mich und meinen Bruder gehen. Wir werden ganz brav sein und niemandem etwas verraten."

Hänsel! Schoss es durch ihren benebelten Verstand. Oh Gott, wo war nur ihr kleiner Bruder?

„Wo… wo ist Hänsel? Was hast du mit meinem Bruder gemacht?", ihre Stimme brach.

„Ihm geht es gut." Die Hexe hockte sich neben Gretel. „Schau, wenn du ein gutes Mädchen bist und all deine Aufgaben erledigst, kannst du deinen Bruder sehen, in Ordnung?"

Die Hexe strich ihr flüchtig über den Kopf, dann schritt sie an ihr vorbei zur Haustür hinaus. Über die Schulter hinweg warf sie Gretel einen mahnenden Blick zu.

„Und meine Liebe, die Fluchtgedanken, die du gerade schmiedest sind sinnlos. Mein Haus ist mit einem Zauber belegt – nur ich allein vermag zu sagen, wer hinein und wer hinaus kommt." Sie rieb einen Finger über die dicke Warze an ihrer Nase. „Der Zettel mit deinen Pflichten liegt auf dem Tisch."

Dann fiel die Tür ins Schloss.

Gretel presste ihre Hände vor ihr Gesicht, versuchte ihr bitterliches Schluchzen zu ersticken. Heiß rannen salzige Bäche ihre Wangen hinunter.

Wie um alles in der Welt hatten sie nur hier landen können?

Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich zurück in ihr Elternhaus. Es war ein großer Fehler gewesen einfach davon zu laufen. Angst und Schuldgefühle schienen sie zu erdrücken, ihr die Luft zum Atmen zu nehmen.

„Hänsel halt durch.", flehte sie leise. Mit zitternden Fingern griff sie nach dem linierten Papier.

ooooooooooooooooo

Sekunden gingen in Minuten über, Minuten in Stunden, Stunden in Tage.
Für Gretel war es ein einziger kaleidoskopartiger Strudel aus Hausarbeit, dem Bedienen der Hexe und dem Bangen darum, ihren kleinen Bruder jemals lebendig wiederzusehen.

Die Zeit brachte eine Desillusion mit sich, die Gretel umso mehr zu einer Flucht antrieb. Nach ihrer ersten Offenbarung gab die Hexe sich keine große Mühe mehr, irgendetwas vor Gretel zu verheimlichen.

So hatte sie feststellen müssen, dass der Apfelbaum im hinteren Teil des Gartens gar keine alten Herbstäpfel, sondern die Schrumpfköpfe von dreizehn Jungen und Mädchen in gleicher Zahl enthielt.

Ein Blutopfer, das dazu beitrug, dass die Wurzeln, auf dem das Haus stand sich auf Befehl fortbewegen konnten.

In der fünften Nacht ihrer Gefangenschaft entdeckte Gretel einen kleinen, fingerdicken Riss im Mauerwerk der hintersten Wand an der Westseite des Hauses.

Ihr Herz flatterte mit neuer Hoffnung. Hänsel, er musste einfach dort sein.

Sie sah sich hastig um – die Hexe war wieder ausgeflogen auf der Suche nach neuen Kindern.

Gretel schauderte.

Kinder waren die alles entscheidende Zutat für einen Zauber. Ihr Fett brachte die Gabe zu fliegen, ihre Organe verhalfen der Hexe zur Unsterblichkeit; das Blut eines Neugeborenen, das reinste aller Opfer, vermochte es, die Macht, die einem inne wohnte noch zu steigern.

Gretel versuchte all diese Gedanken zu verdrängen; ihr Herz klopfte schmerzhaft schnell gegen ihren Brustkorb.

„Hänsel? Kleiner Bruder, kannst du mich hören? Bitte antworte mir!", ein verzweifeltes Schluchzen brach aus ihrer Kehle hervor. Sie presste sich eine Hand auf den Mund, um jeden weiteren Laut zu ersticken. Angestrengt lauschte sie in die Stille.

„G-gretel?"

„Oh Gott, Hänsel!" Dieses Mal war das Schluchzen nicht mehr aufzuhalten. „Halte durch, kleiner Bruder. Es wird alles gut. Hab keine Angst." Sie kauerte sich vor den Spalt in den Feldsteinen, versuchte angestrengt etwas im Licht der Vollmondnacht zu sehen.

„Gretel… ich hab… Angst…" Hänsels Worte waren schwach, Todesangst schwang für einige Augenblicke in ihnen und Gretel fühlte, wie ihre Eingeweide sich zu einem eisigen, harten Knoten formten.

„Ich bin bei dir." Sie streckte ihren kleinen Finger durch den Riss im Mauerwerk; erleichtert und unbeschreiblich glücklich, als sie Hänsels kalten Finger an ihrem spürte.

Diese Freude hielt jedoch nicht lange an.

Etwas in Hänsel veränderte sich, der Kontakt zwischen ihren Fingern brach ab und Gretel fühlte eine tiefe Leere in sich.

„Hör nur, Gretel. Diese wunderschöne Melodie…" Die Stimme ihres kleinen Bruders war schleppend, die Worte abwesend und gefühllos. Nichts erinnerte in diesem Moment an den sieben jährigen Jungen mit den braunen Haaren und den aufgeweckten braunen Augen.

Mit einem Gefühl der völligen Hilflosigkeit stürzte Gretel zum Fenster.

Die Hexe war nur eine schwarze Silhouette vor der riesigen, roten Sichel des Vollmondes.

Gretel wusste was die Hexe tat, sie hatte es ihr mehr als einmal erklärt. Es war ein Zauber, eine Melodie, die nur die unschuldigen Seelen der Kinder vernehmen konnten, sie in Scharen in den Wald und zu diesem Ort führten.

Ihre Hände ballten sich zu Fäusten; sie begrüßte die weißglühende Wut. „Nein, niemals wirst du mich, oder Hänsel bekommen. Eher sterbe ich, als das ich dir meinen Bruder überlassen werde." Ihr Entschluss war gefasst – sie würden heute Nacht fliehen, koste es, was es wolle.

Ein heftiger Schmerz schoss ohne jede Vorwarnung durch ihren Kopf, ließ sie zusammenbrechen.

Das abgrundtiefböse Gelächter der Hexe begleitete Gretel in die Schwärze der Bewusstlosigkeit.

ooooooooooooooooooo

Als Gretel das nächste Mal die Augen aufschlug fiel graues Tageslicht durch die verschmutzen Fenster.

Sie blinzelte mühsam, schaffte es aber ihre verschwommene Sicht langsam zu kläre, die mit Spinnweben überzogenen Dachbalken klar in ihr Blickfeld zu bringen.

Ihr Verstand war wie in Watte gepackt, jegliche Erinnerungen an letzte Nacht fehlten.

Sie hatte mit Hänsel gesprochen, soviel wusste sie noch. Ein Bild drängte sich in den Vordergrund – die schwarze Silhouette der Hexe vor einem riesigen Blutmond, doch dann nichts mehr – ihr Kopf schien wie leer gefegt, als ob dort eine Wand war, die sie einfach nicht durchbrechen konnte.

Gretel hörte die Hexe gedämpft vor sich hin summen, das Klappern der Töpfe schien leiser als sonst.

Sie ließ ihre Augen zum offenen Fenster wandern.

Regenschwere, violette Wolken türmten sich am Horizont, schwängerten die Luft mit den Vorboten eines Unwetters.

Gretels Blick fiel auf eine auf dem Fenstersims sitzende Krähe. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie Äste, statt der Krähenkrallen zu sehen, die sich mit dem Stahl des Simses vereinigten, mit ihm verschmolzen.

Sie blinzelte und das Trugbild war fort. An seiner statt sah sie nur, wie die Krähe an einem, im Licht blutig schimmernden Herz pickte, kleine Stücken mit dem Schnabel heraus riss und verschlang.

Gretel keuchte und setzte sich erschrocken auf.

Aufgeschreckt von ihrer plötzlichen Bewegung krächzte die Krähe heiser und flatterte mit den Flügeln, ließ sich aber nicht von ihrem Mahl vertreiben.

„Du musst doch besser auf dich aufpassen, du zerstreutes Ding. Ich komme zurück und finde dich ohnmächtig auf dem Boden liegen.", schallt die Alte sie und kam mit einem Handtuch in der Hand auf sie zu.

„Wie lange hab ich –", begann Gretel, wurde aber gleich wieder von der Hexe unterbrochen, die sie mit einer Handbewegung in Richtung Tisch scheuchte.

„Das ist unwichtig." Die Hexe stellte einen Teller mit einem dampfenden, dickflüssigen, dunkelroten Eintopf vor Gretel hin. Fleischbrocken blitzen hier und dort aus der dampfenden Masse hervor. „Iss, mein Kind. Vielleicht hab ich dir doch für den Anfang zu viel zugemutet. Du musst erst wieder zu Kräften kommen."

Gretel starrte auf das Essen, ihr Magen drehte sich um bei dem Geruch von geronnenem Blut.

Eine plötzliche, unerklärliche Angst um ihren Bruder schien von ihr Besitz zu ergreifen. Sie schob den Teller von sich und blickte die Hexe entschlossen an.

„Wo ist Hänsel? Ich will meinen Bruder sehen – jetzt."

Die Hexe, wenig beeindruckt von Gretels Mut zu Widersprechen, schob den Teller wieder zurück an seinen angedachten Platz. „Wenn du gegessen hast, bring ich dich zu ihm." Auffordernd hielt sie Gretel einen Löffel hin.

Gretel zögerte.

Das mehr als ungute Gefühl war wieder zurück, verwandelte ihren Magen in einen festen Knoten und beraubte sie jeglichen Appetits und doch ergriff sie den Löffel schließlich widerwillig und begann zu essen.

„So ist es gut." Zufrieden drehte die Hexe sich um und ging auf den großen, eisernen Ofen zu, in dem ein Brot vor sich hin buk.

Ein böses Glitzern huschte durch die Augen der Alten, ihre schmalen Lippen formten sich zu einem bösen Lächeln. „Du bist deinem Bruder näher, als du denkst."

Mit einem Blick über die Schulter musterte die Hexe Gretel und den fast leeren Teller. „Hat es dir geschmeckt, mein Kind?"

Unsicher nickte Gretel, offenes Mistrauen in ihrem Gesicht. „Was war das? Ich habe hier gar keine Schlachttiere gesehen oder gehört."

Statt einer Antwort hallte nur schrilles Gelächter durch das Haus.

Pure Bosheit lag in den Augen der Alten. „Nun gehörst du mir! Das letzte bisschen Menschlichkeit in dir hast du gerade selbst zerstört. Nun kannst du dich voll und ganz deiner Gabe hingeben. Du wirst mir eine würdige Nachfolgerin werden."

„Was – was hast du getan?" Benommen taumelte Gretel zurück, brachte den Stuhl mit ihrem plötzlichen Aufsprung zu Fall. Ihre Augen waren auf den blutverschmierten Teller gerichtet.

Ihr schwante Böses.

Das Gesicht der Hexe hatte sich zu einer Fratze verzerrt, zum ersten Mal zeigte sie ihre wahre Gestalt.

„Hat dir dein Bruder geschmeckt?"

„Hänsel…" Gretel schüttelte abwehrend den Kopf, wehrte sich gegen die Informationen, die langsam begannen in ihren Verstand vorzudringen.

Nein, nein, das konnte nicht sein. Das war eine Lüge. Hänsel konnte nicht tot sein. Sie hatte nicht ihren eigenen, geliebten Bruder gegessen.

Eine überwältigende Welle von Übelkeit erfasste sie und Gretel erbrach sich.

In ihren Ohren rauschte es, ein unkontrolliertes Zittern durchlief ihren Körper und ein bitterliches Schluchzen brach aus ihr heraus. Ein eisernes Band schien sich um ihren Brustkorb gelegt zu haben, ihr mit jedem gepresstem Atemzug mehr Luft zu nehmen.

„Nein, du lügst!", schluchzte sie, ihre Hände pressten hart gegen den Holzboden, ballten sich zu Fäusten.

„Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich, jetzt wo ich endlich eine würdige Nachfolgerin gefunden habe, dich einfach so davonlaufen lasse. Dieses kleine Balg war das Einzige, das dich noch an die Lasten der Menschlichkeit gebunden hat. Es wird leichter. Du wirst sehen, morgen beginnen wir mit deinem neuen Leben. Leg deine Menschlichkeit ab, Gretel, gib dich deiner Gabe und der Magie hin."

Gretel schüttelte nur weiterhin den Kopf, musterte die Wasserflecken, die ihre Tränen auf dem Boden hinterließen.

Hänsel war tot…

Sie kniff die Augen zusammen, fühlte neue Tränen von ihren Wangen tropfen.

Der Gedanke an Rache und die Wut, die diesen Gedanken begleitete vertrieben die eisige Starre das Schocks und der Trauer.

Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte Gretel Mordlust und sie schwor sich dieses Verlangen zu befriedigen.

„Du bist tot."

Das Überraschungsmoment war auf ihrer Seite. Mit einem Verzweiflungsschrei stürzte Gretel sich auf die Hexe, welche das Mädchen mit Leichtigkeit wie ein lästiges Insekt abschüttelte.

Gretel stolperte rückwärts gegen die Wand. Verzweifelt versuchte sie ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen, wobei ihr Arm gegen den glühendheißen Ofen schlug.

Vor Schmerzen schrie sie auf.

Die Hexe machte eine Handbewegung und grinste Gretel nur triumphierend an. „So viel Kampfgeist hätte ich dir gar nicht zugetraut, mein Lämmchen. Aber du musst einsehen, noch bin ich dir um Welten überlegen."

Gretel wollte sich rühren, wollte ihrer Raserei nachgeben, doch ihr gesamter Körper schien wie erstarrt; hunderte von unsichtbaren Fesseln hatten sich um sie gelegt, hielten sie fest.

„Ich habe gestern Nacht deine Gedanken gelesen, ich musste etwas unternehmen, bevor du wegen diesem Gör noch etwas Unüberlegtes getan hättest." Mit diesen Worten drehte die Hexe sich um und begann den Tisch abzuräumen.

Gretel spürte, wie die unsichtbaren Ketten sich langsam lösten, sie wieder freigaben.

Ihre Augen landeten auf dem scharfen Fleischermesser, das auf der Anrichte neben dem Fenster ruhte.

Ihr Blick glitt zurück zur Hexe, welche immer noch in ihre Arbeit vertieft war. Sie glaubte nicht, dass von Gretel noch irgendeine Gefahr ausgehen würde – ein gebrochenes vierzehn jähriges Mädchen ohne eine Familie.

Was genau als nächstes passierte und wie alles von statten ging konnte Gretel später nicht mehr sagen. Wieder war das Überraschungsmoment auf ihrer Seite gewesen, die Hexe siegessicher und fahrlässig.

Das scharfe Messer hatte durch den Hals der Hexe geschnitten, wie durch Butter. Blut schoss in einem ungezügelten Schwall aus ihrer offenen Kehle, bedeckte Tisch, Wand, Stühle und Gretel.

Mit einem Ausdruck der völligen Überraschung und Ungläubigkeit sank die Hexe schließlich tot zu Boden, das stetig pulsierende Rot aus ihrem Hals wurde zusehends kleiner, bis es schließlich völlig verebbte und nur ein aschfahles Gesicht und stumpfe, glasige Augen zurück ließ.

oooooooooooooooooooo

Gretel keuchte und stolperte erneut rittlings über eine der knorrigen Baumwurzeln. Das Gewicht in ihren Händen entglitt ihr und sie prallte hart gegen die raue Rinde einer alten Buche.

Für einen Moment blinzelte sie nur und rang mühsam nach Atem; Adrenalin das Einzige, das sie noch voran trieb.

Ihre blonden Haare hingen ihr in verschwitzten Strähnen ins Gesicht, vom Wind, der wie ein stetiger Begleiter nach wie vor durch das Geäst fuhr, völlig zerzaust.

Getrocknete und verwischte Blutspritzer bedeckten ihre Wangen und ihr Kinn, mischten sich mit den immer noch laufenden Tränen.

Sie schluchzte und wischte sich mit dem Ärmel über die Nase. Sie musste es zu Ende bringen, so viel war sie Hänsel schuldig.

Bei dem Gedanken an ihren kleinen Bruder stiegen neuerliche Tränen in ihre Augen, rannen die bleichen Wangen herab, über aufgerissene Lippen, bis sie schließlich in rosa Tropfen Gretels Kinn hinunter liefen.

Sie schloss die Augen, versuchte sich zu beruhigen – es war ein Fehler gewesen, fortzulaufen. Sie hätte es wissen müssen…

Gretel schüttelte den Kopf. Nein! Ob hier oder dort, sie wären so oder so dem Tod geweiht gewesen.

Ihr Blick richtete sich wieder auf ihre Last am Boden.

Das eingefallene Gesicht der Hexe war gräulich-fahl, der sonst so streng zurückgebundene Dutt aus grauem Haar hatte sich gelöst, die losen Strähnen hatten sich mit trockenen Blättern und anderem Unrat vermischt.
Mit den geschlossenen Augen und der im Tode entspannten Mimik hätte man annehmen können, die Hexe würde friedlich ruhen, wäre da nicht der tiefe, klaffende Schnitt an ihrem Hals, welcher blutig-weiß schimmernd das Rückgrat entblößte.

Sie würde es zu Ende bringen!

Mit neuer Entschlossenheit griff Gretel wieder nach den ausgestreckten Armen der Hexe und setzte ihren langsamen, beschwerlichen Gänsemarsch in Richtung Moor fort. Die schweren Eisenketten, die an den Beinen der Hexe befestigt waren und hinterher schleiften, erschwerten das Vorankommen noch.

Die Zeit schien für eine kleine Ewigkeit still zu stehen. Das Einzige, was über das Rauschen der Herbstböen zu hören war, war Gretels gepresster Atem, ihr verzweifeltes Schluchzen als ihre Kräfte mehr und mehr nachließen; das Adrenalin verschwand.

Sie warf einen Blick über die Schulter – nur noch ein wenig weiter und sie hatte ihr Ziel erreicht. Sie musste nur noch ein bisschen durchhalten…

Die Verbrennung an ihrem Unterarm schmerzte, pulsierte im Rhythmus ihres flatternden Herzschlags. Ihr Verstand konzentrierte sich nur auf die eine Aufgabe – diesem Grauen ein Ende zu bereiten. Es war das Einzige, das sie jetzt noch bei Verstand hielt.

Eine der schweren Ketten blieb an einer Wurzel hängen, brachte Gretel abrupt zum Stehen. Sie strauchelte, konnte sich aber noch am rauen Stamm eines Baumes fangen.

„Komm schon!", schrie sie. Mit der Kraft der Verzweiflung riss sie an den Armen der Toten – die Kette löste sich und sie brach stolpernd durch das Gestrüpp, das wie eine schützende Pforte einen Teil des Moorufers umgab.

Ihr Fuß versank platschend im sumpfigen Boden. Schnell zog sie ihn wieder heraus und hockte sich neben den toten Körper der Hexe.

„Du wirst nie wieder unschuldigen Kindern ein Leid antun. Am Ende haben dir all diese Organe – all die Leben die du genommen hast – auch nichts eingebracht."

Gretel hob ihren Blick, ließ ihre Augen über die Sumpflandschaft schweifen. Bäume und Sträucher rahmten das Moor, einzelne braune Grasbüschel und modrige Äste ragten aus der wässrigen Oberfläche. Nebel stieg auf.

Ein kurzes Lächeln huschte über Gretels blasse Züge, ein wahnsinniges Funkeln blitzte kurz in ihren blauen Augen auf, bevor erneut Tränenschleier ihr die Sicht nahmen.

Hätte sie die Hexe genauer betrachtet, so wäre ihr vielleicht die winzige Veränderung an ihrem aschgrauen Gesicht aufgefallen. Dort, wo vor wenigen Sekunden noch ein beinahe friedliches Gesicht geruht hatte, blickten nun milchig-weiße Augen ins Leere.

Unter einer letzten großen Anstrengung schob Gretel die Leiche ins Moor.
Für einige Augenblicke trieb der Körper auf der Oberfläche, bis er schließlich begann gurgelnd unterzugehen.

„Dies ist der richtige Ort für dich – zwischen Reptilien und Ungeziefer sollst du nun deine letzte Ruhe finden.", flüsterte Gretel, ihre Stimme brach. Tränen rannen ihre Wangen hinunter, verwischten ihr die Sicht und doch konnte sie ihren Blick nicht abwenden. „Du unterschriebst dein Todesurteil in dem Moment, als du Hand an meinen Bruder anlegtest." Sie wischte sich über die Augen, verrieb Tränen und Blut.

Sie hatte es geschafft, die Hexe war tot. Aber dort, wo Triumph oder Freude hätten sein sollen, befand sich nur das Gefühl von tiefschwarzer Einsamkeit. Sie fühlte sich leer, alle dem beraubt, weswegen sie so verzweifelt ums Überleben gekämpft hatte.

Mit einem letzten Blick hinaus auf das Moor drehte Gretel sich um und ging.

Der Gedanke, Heim zu gehen erschien richtig. Zusammen mit Hänsels letztem Atem war auch ihr Kampfgeist gestorben, ihr Wille etwas verändern zu wollen.

Plötzlich sehnte sie sich nach der Vertrautheit des Hauses, nach dem Wahnsinn, der sich in die Wände jenes Hauses gefressen hatte. Sehnte sich nach all den kleinen Dingen, die sie an Hänsel erinnerten.

Gretels Hand glitt unbewusst zu dem Beutel, den sie um ihre Hüften Trug, strich sanft über Schädelknochen und Haare. „Ich werde dich bei deinen Tieren begraben.", murmelte sie, als sie sich einen Weg durch dichtes Unterholz erkämpfte.

oooooooooooooooooo

Regenschwere Wolken hingen tief am bleiernen Himmel.

Die Sturmböen brachten den ersten, feinen Staub von Regen mit sich und noch etwas anderes.

Noch bevor Gretel hinaus aus dem Wald trat und freie Sicht über die brach liegenden Felder auf das Haus ihrer Eltern hatte, stieg ihr bereits der beißende Geruch von Rauch in die Nase.

Die traurige Melodie der Zigeunerweisen und das Todesgeschrei ihrer Mutter drangen mit der nächsten, starken Böe an ihr Ohr.

Das Haus brannte.

Flammen fraßen sich durch das Dach, verschlangen die Dachkammer und alles, was dort jahrelang geruht hatte, Wahnsinn und Gift in ihrer aller Leben gebracht hatte.

Mit einer Ruhe, die Gretel nur als eine Art Frieden bezeichnen konnte, schritt sie auf das Haus zu.

Die strahlende Hitze des Feuers war beinahe unerträglich, je dichter sie kam, und doch vermochte nichts ihr Inneres zu erwärmen, das Eis, das sich um ihr Herz gelegt hatte, zu schmelzen.

Vor der untersten Stufe der Veranda entdeckte sie Kenneth' leblosen Körper. Ein kleiner Derringer Revolver in seiner schlaffen, blutleeren Hand.
Die Kugel hatte die linke Hälfte seines Schädels in eine formlose Masse verwandelt. Schädelstücke blitzen zwischen braunen, glanzlosen Haaren und blutig-grauer Substanz. Das linke Auge fehlte gänzlich.

Ein leerer Benzinkanister lag auf der Seite neben der Leiche.

Beatrice' Schreie waren hoch und schrill, doch diesmal lag nicht nur Wahnsinn sondern Todesqualen in ihnen. Im Heulen des Herbstwinds und dem Prasseln des Feuers gingen sie beinahe unter.
Das melancholische Lento der Violinen wirkte surreal und doch passend.

Und dann war es vorbei. Die Flammen verschlangen das Haus und alles, was Gretel einst vertraut und sicher erschienen war.

Mit unbeweglicher Miene ging sie an Kenneth vorbei, durch die Tore in den Garten und zu der alten Trauerweide.

Die Windspiele klackerten im Wind, als Knochen gegen Knochen schlugen.

Mit bloßen Händen grub Gretel ein Loch direkt im Mittelpunkt der Spirale aus Gräbern.

Ihre Finger waren blutig, als es endlich tief genug war, dass sie Hänsel dort verscharren konnte.

Sie ließ ihren Blick lange auf dem kleinen Grab ruhen, spürte den Wind, der an ihren Haaren riss, doch innerliche fühlte sie nichts. Es schien, als ob ihre Tränen einfach versiegt waren, vertrocknet wie das Laub, das der Wind jagte.

Sie war leer. Weder Bedauern, noch Trauer, Wut oder gar Verzweiflung verspürte sie, nur tiefe, dunkle Leere.

„Leb wohl, kleiner Bruder."

Ohne sich noch einmal umzusehen stand sie auf und ging langsamen Schrittes an den immer noch schwelenden Überresten des Hauses vorbei, weiter auf die Felder und schließlich den Wald zu.

Hier war nicht mehr ihr Zuhause. Alles, was ihr einst etwas bedeutet hatte, war mit Hänsels Tod ebenfalls gestorben.

Es gab nur noch einen Ort, an dem sie sich niederlassen konnte – Dank der Gabe, dem obskuren Erbe ihrer Mutter, konnte sie den magischen Ruf des Hexenhauses hören, konnte spüren, wie seine Wurzeln sich bewegten, es tief in den Wald hinein trugen.

Es rief nach ihr und sie war nur allzu gewillt, diesem Ruf nachzukommen.

Ein leichtes Lächeln, das weder ihre Augen, noch ihr Herz erreichte, umspielte ihre Lippen. Der Wind wehte ihr Strähnen ins Gesicht, ließ Funken des langsam erlöschenden Feuers in den bleiernen Abendhimmel stieben.

Gefühle waren fremd für sie geworden, nur die kalte Flamme des Wahnsinns funkelte in ihren Augen, schien das Blau noch intensiver leuchten zu lassen.

Sie hatte ihren Bruder nicht verloren, nein. Dies war nur der Anfang einer langen, langen Reise. Sie würde nach ihm suchen, würde ihn finden – wann, das vermochte nur die Zeit zu sagen.

Wieder fühlte sie, wie der Ruf des Hexenhauses in ihr widerhallte.

Gretel nickte. Sie würde das Erbe fortsetzen; die Melodie des Zaubers strömte durch ihren Kopf, verankerte sich mit ihrem Wesen, mit ihrem Sein.

Leise summend betrat sie den Wald, schritt zielstrebig und dieses Mal ohne Angst durch die verschlungenen Pfade des dichten Unterholzes, bis schließlich Dickicht und zunehmende Dunkelheit sie verschluckten.

Nur eine einsame, traurige Melodie hallte noch lange durch die Wälder.